Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Mainz

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Redebeitrag beim Ostermarsch 2005 in Mainz

Die Waffen nieder!

Tina Kemler (DFG-VK Gruppe Mainz)

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde!

Anl├Ą├člich des diesj├Ąhrigen 100sten Jahrestages, an dem erstmals eine Frau den Friedensnobelpreis erhielt, werde ich mich in meiner Rede ganz auf Frauen konzentrieren und ihre Arbeit f├╝r die Friedenspolitik in den Vordergrund stellen.

Als Bertha von Suttner 1889 ihren Roman "Die Waffen nieder" ver├Âffentlichte, konnte sie nicht wissen, wie bekannt sie dadurch - vor allem in der Friedensbewegung - werden w├╝rde. Im Jahr 1905, dem Jahr, in dem sie als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt, erschien die 37. Auflage und das Buch war in 16 Sprachen ├╝bersetzt worden. Selbst in Amerika war es bekannt, was um die Jahrhundertwende eine Novit├Ąt f├╝r ein urspr├╝nglich deutschsprachiges Buch war.

Was aber war nun das besondere an diesem Roman? Zum einen nat├╝rlich, da├č ihn eine Frau geschrieben hatte und zum anderen die drastische Sprache, in der sie den Krieg als das darstellte, was er ist: "grausam und daher ein Verbrechen"! (Beatrix M├╝ller-Kampel (Hg): "Krieg ist Mord auf Kommando", S. 11 unten)

Tina Kemler

"Rauchende Dorftr├╝mmer, zertretene Saaten, herumliegende Waffen und Tornister, durch Granaten aufgewirbelte Erde, Blutlachen, Pferdeleichen, Massengr├Ąber: Das sind die Landschaften (...) durch welche wir hinter dem Sieger hergewandelt sind, um wom├Âglich neue Siege daran zu reihen, das hei├čt neue D├Ârfer anzuz├╝nden und so weiter ..." (Bertha von Suttner: "Die Waffen nieder!", S. 144)

Den Morgen nach einer Schlacht beschreibt sie: "Jetzt erst sieht man die Massenhaftigkeit der umherliegenden Leichen: auf den Stra├čen, zwischen den Feldern, in den Gr├Ąben, hinter Mauertr├╝mmern; ├╝berall, ├╝berall Tote." (Bertha von Suttner: "Die Waffen nieder!", S. 239)

Bertha von Suttner, ohne die ich wahrscheinlich heute hier nicht stehen w├╝rde, da sie es war, die 1892 die Deutsche Friedensgesellschaft gegr├╝ndet hat, ist bis zu ihrem Tode, kurz vor dem ersten Weltkrieg daf├╝r eingetreten, wof├╝r wir heute alle hier stehen: Ein friedlichere Welt, eine sozialere Welt, eine Welt OHNE Waffen.

...

Aber Bertha von Suttner war nicht die einzige Frau, die sich unerm├╝dlich f├╝r den Frieden und gegen jede Kriegstreiberei eingesetzt hat. Insgesamt 12 Frauen erhielten bislang den Friedensnobelpreis, dessen Stiftung im ├╝brigen auch auf die Initiative von Bertha von Suttner zur├╝ckzuf├╝hren ist.

Betty Williams und Mairead Corrigan Maguire etwa, die 1976 diese Ehrung f├╝r ihren Einsatz f├╝r den Frieden in Nordirland erhielten und zeigten, wie Menschen aus pers├Ânlicher Betroffenheit ├╝ber sich selbst hinauswachsen k├Ânnen. Sie waren es, die Mitte der 70er Jahre die Friedensm├Ąrsche in Belfast initiiert hatten, denen tausende von Menschen, Katholiken wie Protestanten folgten. Als dann, 1994, nach mehr als 25 Jahren B├╝rgerkrieg endlich sowas wie Frieden in Nordirland einkehrte, waren sie den Medien keine Zeile wert!

Die schwedische Schriftstellerin, Diplomatin und Abr├╝stungsministerin Alva Myrdal, die 1982 f├╝r ihren Einsatz f├╝r die atomare Abr├╝stung gew├╝rdigt wurde, sagte einmal zum schwedischen Au├čenminister und V├Âlkerrechtler Und├ęn, als es um ihre Besch├Ąftigung mit dem R├╝stungswettlauf der damaligen Zeit ging: "Als ich damit begann, konnte ich nicht mehr aufh├Âren, nach dem "Warum` und dem "Wieso` von etwas Sinnlosem wie dem Wettr├╝sten zu fragen." Auch wenn der "kalte Krieg" vorbei ist und zahllose Kriege und Krisensituationen die Bedrohung durch einen atomaren Krieg eher in den Hintergrund dr├Ąngen, stelle ich mir jedoch die Frage nach dem "Warum" und dem "Wieso" bis heute. Wenn ich mir z.B. den EU-Verfassungsentwurf anschaue frage ich mich, ob Politiker wirklich v├Âllig unf├Ąhig sind, aus der Vergangenheit zu lernen. Eine Aufr├╝stungsverpflichtung, wie sie durch den Satz: "Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre milit├Ąrischen F├Ąhigkeiten schrittweise zu verbessern" festgeschrieben wird, kann meines Erachtens nur dazu f├╝hren, da├č die Dynamik des weltweiten Aufr├╝stens weiter angestachelt wird und jegliche Versuche nicht-milit├Ąrischer Krisenintervention zunichte macht.

Aber zu den Strategien, die sowohl die EU als auch die USA bei ihrer Kriegstreiberei verfolgen, hat Euch Christian Axnick ja schon ausf├╝hrlich berichtet.

Sich f├╝r den Frieden einzusetzen, hei├čt nat├╝rlich auch, sich f├╝r soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte einzusetzen. Dies haben in besonderem Ma├če Schirin Ebadi und Wangari Maathai getan. Schirin Ebadi, Menschenrechtlerin und Juristin im Iran, bekam den Preis 2003 verliehen und ein Satz aus der Begr├╝ndung der Jury hat mir besonders gut gefallen: "In einer ├ära der Gewalt unterst├╝tzte sie beharrlich die Gewaltlosigkeit." Als 1979 das Mullahregime die Macht ├╝bernahm, wurden alle Richterinnen, so auch Ebadi, ihres Amtes enthoben. Ein Teil der Begr├╝ndung: Frauen seien zu "emotional" und "irrational". Den Kampf f├╝r Menschenrechte als irrational zu bezeichnen ist in meinen Augen genau das: irrational! F├╝r ihre Emotionalit├Ąt danke ich all diesen Frauen! Wangari Maathai z.B., Friedensnobelpreistr├Ągerin 2004, die, so ger├╝chtet das Internet, von ihrem Ehemann verlassen wurde, weil sie "zu gebildet, zu stark, zu erfolgreich, zu eigensinnig und zu schwer zu kontrollieren" sei, ist f├╝r mich lebender Beweis f├╝r Frauenpower, Mut und Engagement. "F├╝r ihren Einsatz zur Erhaltung der Umwelt und zur Durchsetzung der Menschenrechte" wurde die Kenianierin mit dem Preis bedacht.

Eigentlich war es gar nicht meine Absicht, einen solchen Schwerpunkt auf Afrika zu legen, auch wenn wir, die DFG-VK, am Freitag dem 22. April eine Veranstaltung mit dem Titel "Das andere Afrika - Widerstand gegen Krieg, Korruption und Unterdr├╝ckung" mit Emanuel Matondo planen. Der Flyer, den ihr Euch von unserem Infostand mitnehmen k├Ânnt, beginnt mit den Worten: "Von Afrika h├Âren wir oft nur, wenn ├╝ber Kriege, Fl├╝chtlinge oder Hungerkatastrophen berichtet wird. Nur selten, wie bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Kenianerin Wangari Maathai wird ein anderes Bild gezeigt ...".

...

├ťber Bertha von Suttner hatte ich in meiner Schulzeit gelesen. Sie und meine Pflegemutter waren es, die mir die Perversion des Krieges vorgef├╝hrt haben und die mich, ohne ihr Wissen, dazu veranla├čt haben, f├╝r meinen Sohn den Zwangsdienst zu verweigern, kurz nachdem ich ihn geboren hatte. Die anderen Frauen, von denen ich heute berichtet habe, kenne ich nur aus den g├Ąngigen Medien. Ich habe ├╝ber sie im Internet und in B├╝chern gelesen, habe Fernsehinterviews mit ihnen gesehen und mit keiner von ihnen hatte ich mich vor meiner Rede intensiver besch├Ąftigt.

Ich m├Âchte nun zum Abschlu├č kommen mit einem kurzen Bericht ├╝ber eine Frau, die ich Ende des vergangenen Jahres auf einer Pressekonferenz kennen gelernt habe und deren Schicksal mich sehr, nun... wie soll ich sagen... beeindruckt oder gar mitgenommen hat. Ruta wird ziemlich sicher niemals einen Nobelpreis erhalten, nein, sie kann sogar froh sein, wenn sie die kommenden Jahre ├╝berlebt!

Wie einige von Euch wissen, bin ich nicht nur DFG-VK-Mitglied, sondern auch freie Radioredakteurin der Medieninitiative Mainz/Wiesbaden Radio Quer e.V. Als ich im November vergangenen Jahres von Rudi Friedrich von Connection e.V. gebeten wurde, eben diese Pressekonferenz ├╝ber eritreische Fl├╝chtlinge und Deserteure aufzuzeichnen, hat mir dies weder terminlich noch inhaltlich "in den Kram gepa├čt". So fuhr ich eher mi├čgelaunt nach Frankfurt.

Eritrea, ein kleines Land irgendwo in Afrika, Krieg gegen ├äthiopien, b├╝rgerkriegs├Ąhnliche Zust├Ąnde, das waren so die Eckdaten, die ich aus dem Fernsehen oder der Zeitung wu├čte. Ich sa├č also im Presseclub in Frankfurt, mein Mikrofon war aufgebaut und pl├Âtzlich erschienen sieben junge Menschen, die sich rechts und links des Podiums setzten. Sieben Eritreer und Eritreerinnen im Alter von 18 bis 32 Jahren, die ├╝ber die Gr├╝nde ihrer Flucht und Desertion sprachen. Ich war geschockt! Nicht, da├č ich nicht ├Ąhnliches auch schon aus anderen L├Ąndern geh├Ârt h├Ątte. Terror und Folter gibt es ja selbst in der deutschen Bundeswehr. Aber in die Gesichter dieser Menschen zu schauen, die teils mit stoischer Mine, teils den Tr├Ąnen nahe, manchmal w├╝tend, andere mit viel Engagement auf ihr Schicksal hinwiesen, hat mich nachhaltig ber├╝hrt. Ruta Yosef-Tedla, gerade mal 18 Jahre alt, die nach dem Tod ihrer Mutter die Verantwortung f├╝r ihre kleinen Geschwister ├╝bernommen hatte und aus ihrer christlichen ├ťberzeugung heraus Krieg und ihren Dienst an der Waffe ablehnt. Ihr und allen anderen, die sich zur Eritreischen Antimilitaristischen Initiative Deutschlands zusammen geschlossen haben, gilt meine pers├Ânliche Hochachtung! Ihr Mut, ein Regime anzuprangern, das sie vielleicht wieder foltern, oder sogar t├Âten wird, wenn Ihre Asylantr├Ąge hier in Deutschland abgelehnt werden und sie abgeschoben wird, ist mir pers├Ânlich ein Zeichen, mit der Arbeit fortzufahren, die ich begonnen habe!

Hin und wieder werde ich gefragt, warum gerade ich als Frau Mitglied der DFG-VK, also der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner und -gegnerinnen sei, wo ich doch gar nicht zum Zwangsdienst an der Waffe im kollektiven V├Âlkermord gezwungen sei.

Wenn ich ehrlich bin, f├Ąllt mir dieses Zitat nicht ad hoc ein, aber da ich ja Zeit hatte, mich auf diese Rede vorzubereiten, m├Âchte ich mit Worten von Bertha von Suttner und Pierre Ramus enden, die sich zwar wahrscheinlich nicht kannten und doch, w├Ąhrend sie eher der Sozialdemokratie zugetan war, er Anarchist, beide nur eines im Sinn hatten: Den Frieden auf dieser Welt.

Ich zitiere von Suttner: "Es gibt ebenso gro├če Dummk├Âpfinnen, als es Dummk├Âpfe gibt; wohl auch zahlreicher, nicht wegen des (...) behaupteten `physiologischen Schwachsinn des Weibes`, sondern als Folge der heute noch ├╝blichen weiblichen Erziehung". Daran hat sich bis heute meiner Meinung nach wenig ge├Ąndert! Ramus, der zur gleichen Zeit gelebt hat wie Bertha von Suttner und Anarchist war, folgert logisch: Als erstes m├╝sse man folglich "unter den M├╝ttern der heranwachsenden Jugend ├ťberzeugungsarbeit leisten, denn die M├╝tter sind es, die ihre Kinder zu Kriegern gegen den Krieg, zu Friedenskriegern erziehen m├╝ssen."

Auch wenn ich die Sprache von Ramus nicht mag, obwohl sie nat├╝rlich seiner Zeit gem├Ą├č ist: "Krieger gegen den Krieg" sind Menschen wie mein Sohn, der die Perversion des Krieges erkannt hat und f├╝r sich entschieden hat, da├č er dieser Kriegsmaschinerie nicht zur Verf├╝gung stehen will.

Wir, die DFG-VK gehen heute noch weiter als Bertha von Suttner es damals gefordert hat!

Wir sagen nicht nur "die Waffen nieder", sondern wir fordern auch: nieder mit allen Kriegs- und Zwangsdiensten in der Welt, Asyl f├╝r Kriegsdienstverweigerinnen und Kriegsdienstverweigerer, Deserteurinnen und Deserteuren, egal aus welcher Armee, und heute besonders wichtig: Nieder mit dieser EU-Verfassung, die die Aufr├╝stung festschreibt!

Ich habe vor einigen Jahren einen Satz unterschrieben, eigentlich viel zu sp├Ąt in meinem Leben und ich bin niemand, die ├Âffentliche Gel├Âbnisse unterst├╝tzt, aber dieses Gel├Âbnis werde ich gerne und ├Âffentlich wiederholen. Es ist die Grundsatzerkl├Ąrung der DFG-VK:

"Der Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Ich bin daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterst├╝tzen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuarbeiten."

Die Waffen nieder!

Vielen Dank f├╝r Euer Interesse!

Letztes Update: 03.11.2007 13:06
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