Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Mainz

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Big-Band-Sound und Heldentum

Rede von Tina Kemler als MP3

Rede von Tina Kemler, DFG-VK Gruppe Mainz

Der Militarismus ist auch nicht mehr, was er mal war.

Die "Zivilgesellschaft" gegen das Militärsystem:

das war einmal eine klare Frontstellung, etwa im Königreich Preußen, als die Werber der Armee oftmals auf handgreiflichen Widerstand beim Einfangen der Rekruten stießen.

Im Kaiserreich sorgte der allgemeine Kriegsdienstzwang, den Preu√üen-Deutschland im 19. Jahrhundert als einziges europ√§isches Land in Friedens- wie Kriegszeiten aufrechterhalten hatte, f√ľr eine einzigartige soziale Militarisierung. Aber immer blieb das Milit√§r eine exklusive Gruppe; gerade die Heroisierung des Soldaten (wie erb√§rmlich das Kasernendasein auch sein mochte) erforderte die Aufrichtung von Schranken gegen die verd√§chtig-ver√§chtlichen Zivilisten. Das Offizierskorps als Elite der Nation hielt auf einen strikten Ehrenkodex: Kriegervereine und Kriegerdenkm√§ler, Milit√§rmusik, Fackelz√ľge - die Rituale des klassischen Militarismus haben das Milit√§r zwar √∂ffentlich un√ľbersehbar gemacht, grenzten es aber auch von der b√ľrgerlichen Gesellschaft ab.

Die war schlapp und verweichlicht; auf einer ber√ľhmten Karikatur schnauzt der bullige Feldwebel die Rekruten an:

"Aus euch werden wir erst mal Menschen machen!"

Die Werte und Verhaltensweisen des Milit√§rs waren zwar allgegenw√§rtig, aber nicht jedem erreichbar; und das pa√üte der Bourgeoisie im Grunde ganz gut: sie hatte nur Sinn f√ľr Heroismus auf Distanz. Heldenverehrung gerne, aber sich selber in den Schlamm schmei√üen? Ich bitte Sie, man hat doch seine Leute.

Entweder die armen Schlucker, die in eine Berufsarmee eintreten mußten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, oder die, die zwangsweise per Gesetz verpflichtet wurden und werden.

Die modernen Armeen kommen zunehmend zivil daher.

Die Rhetorik, mit der Bundeswehrvertreter, Verteidigungsexperten und R√ľstungslobbyisten die √Ėffentlichkeit bearbeiteten, ist best√§ndig weicher geworden:

Keineswegs ginge es darum, Krieg zu f√ľhren, vielmehr um humanit√§re Eins√§tze oder Friedensmissionen, im schlimmsten Falle auch um Friedenserzwingung.

Keine Rede k√∂nne davon sein, da√ü wir eine Interventionsarmee h√§tten oder haben wollten, aber wir m√ľ√üten bereit sein, international Verantwortung zu √ľbernehmen und humanit√§re Hilfe zu leisten; notfalls eben auch in einem "robusten Einsatz"!

Selbst da, wo sich nicht verschleiern lie√ü, da√ü gek√§mpft wurde, durfte es sich nicht um Krieg handeln, eher um eine Art ... Polizeieinsatz; allenfalls wurden Milit√§rschl√§ge durchgef√ľhrt.

Im Kosovo Krieg verk√ľndete Bundeskanzler Schr√∂der: "Wir f√ľhren keinen Krieg".

Parallel dazu wurde die Bundeswehr umgebaut: von einer sogenannten Verteidigungsarmee, deren Aufgabe es war, im Rahmen der Abschreckungsstrategie des Kalten Krieges die Fähigkeit zum Krieg zu demonstrieren und damit Gewalt anzudrohen, zu einer Armee im Einsatz, die Gewalt tatsächlich anwendet; da, wo es zur Durchsetzung der Interessen der Bundesrepublik erforderlich ist.

"Wir werden uns an den Gedanken gew√∂hnen m√ľssen, dass deutsche Soldaten im Krieg sterben werden. Nicht durch Unf√§lle oder Anschl√§ge, sondern durch ihr Handeln in Kriegseins√§tzen im Ausland." - So war es am 6. Juni diesen Jahres in der Presse zu lesen. Der Anlass: Die Rede von Peter Struck zum 50. Geburtstag der Bundeswehr.

Struktur und Ausr√ľstung werden diesen Erfordernissen seit Jahren angepa√üt; die Ausbildung, die h√§rter und einsatzorientiert zu sein hat, ebenfalls; auch wenn es da anfangs zu Missverst√§ndnissen gekommen zu sein scheint (erinnern Sie sich noch an die Mi√ühandlungsaff√§re?).

Die F√§higkeit zum Krieg ist nicht mehr an das martialische Auftreten des klassischen Militarismus gebunden. Der Militarismus hat sich mit der Zeit gewandelt, er ist pragmatischer und ziviler geworden, er hat seine feudalen heroischen Anteile abgesto√üen, um sich als integraler Bestandteil der b√ľrgerlichen Gesellschaft um so wirkungsvoller zu pr√§sentieren.

Zwei Big Bands spielen hier in Nierstein, es gibt Erbsensuppe. Der erwirtschaftete Erl√∂s wird f√ľr wohlt√§tige Zwecke gespendet. Die Musiker sind Soldaten, denn es handelt sich um die Big Band der Bundeswehr und um eine amerikanische Milit√§r-Band. Die K√∂che und das Servicepersonal des Suppenstandes sind Reservisten.

Was sollte man denn dagegen einzuwenden haben? Schlie√ülich wird hier doch keine Propaganda f√ľrs Milit√§r gemacht; Politik kommt gar nicht vor! Ist das nicht ein wunderbarer Beweis f√ľr die gelungene Integration des Milit√§rs in die Gesellschaft?

Eben. Die Bundeswehr, Tr√§ger des staatlichen Gewaltmonopols und weltweit im Einsatz, besetzt un√ľbersehbar einen √∂ffentlichen Raum, und gleichzeitig macht sie jede Diskussion √ľber sich und das, was sie tut, unm√∂glich. Man kann nicht w√§hrend eines Big-Band-Konzerts diskutieren oder mit einer Big Band oder √ľber den nat√ľrlich gemeinn√ľtzigen Zweck, f√ľr den sie Geld sammelt. Die Aufgabe und die Handlungen der Armee verschwinden unter einem Klangnebel aus Swing. Wer Swing spielt, kann unm√∂glich milit√§rische Haltung annehmen. Die Kasernenhofschindereien der kaiserlichen Armee wurden vom heroischen Ideal √ľberdeckt; die Kriegsausbildung bei der Bundeswehr vom legeren Auftreten ihrer Musiker, Sportler oder Hundefreunde und dem menschenfreundlichen Engagement ihrer humanit√§ren Hilfssoldaten.

Kampftruppen gibt es aber auch?

Das ist ein weiterer Job, den man bei der Bundeswehr machen kann. Die organisierte Gewaltanwendung des Milit√§rs unterliegt nicht mehr den Zw√§ngen eines feudalen Ehrenkodex, der f√ľr eine exklusive Gruppe von Kriegern verbindlich ist, sie ist ein Beruf wie jeder andere geworden: routiniert, effizient und ohne gro√üartige Sperenzchen zu erledigen. Die Barrieren zwischen b√ľrgerlicher Gesellschaft und Milit√§r sind gefallen, eines geht ins andere √ľber: so wird das milit√§rische ziviler, das zivile aber auch milit√§rischer. Die Existenz des Milit√§rs und sein Zweck werden banalisiert und verharmlost. Die Anwendung von kriegerischer Gewalt zur Erreichung politischer Ziele wird entweder nicht als Problem zur Kenntnis genommen oder eben einfach akzeptiert.

Man sollte nicht vergessen, dass die Bundeswehr ihr Kanonenfutter immer noch mit Zwang rekrutiert. Zur Zeit kann sie sich leisten auf viele zu verzichten, die erst gar nicht einberufen werden. Die m√ľndliche Gewissenspr√ľfung wurde im vergangenen Jahr abgeschafft, die schriftliche Gewissenspr√ľfung f√ľr Milit√§rdienstverweigerer wird im Vergleich zu fr√ľher liberal gehandhabt. Aber statt 95% der Antragsteller anzuerkennen k√∂nnten genauso gut 95% abgelehnt werden, ohne auch nur ein Komma am Gesetz zu √§ndern. Totale Kriegsdienstverweigerer, die alle Kriegs- und Ersatzdienste, also auch den Zivildienst verweigern, werden auch jetzt noch strafrechtlich verfolgt.

Alle westlichen Nachbarl√§nder und sogar L√§nder im S√ľden und Osten von Spanien bis zur Slowakei haben den Zwang zum Kriegsdienst abgeschafft oder ausgesetzt. In Deutschland halten SPD, CDU und CSU krampfhaft daran fest. Sie wissen auch genau warum. Es k√∂nnte trotz Hartz IV sein, dass sich nicht gen√ľgend Freiwillige finden, die f√ľr Struck und seine Nachfolger sterben wollen.

Deshalb fordern wir:

  • Aufl√∂sung der Bundeswehr-Einsatzkr√§fte
  • Abschaffung der Wehrpflicht sofort!
  • Asyl f√ľr Kriegsdienstverweigerer und -verweigererinnen,
  • Deserteure und Deserteurinnen!
  • Stopp der R√ľstungsprojekte:
  • Soziale Politik statt Geld f√ľrs Milit√§r!


Hinweisen möchte ich noch auf eine Veranstaltung der DFG-VK Gruppe Mainz mit einem Vertreter und einer Vertreterin der israelischen Friedensorganisation New Profile:
mit Lotahn Raz und Neta Rotem am 10. Oktober in Mainz, um 19.30 Uhr im Mätthaus-Saal der Christuskirchengemeinde, links hinter der Christuskirche.

Letztes Update: 03.11.2007 13:06
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