Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Mainz

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"Der Wille ist ungebrochen"

Ein Interview mit dem israelischen Kriegsdienstverweigerer Lotahn Raz

aus: Graswurzelrevolution Nr. 280 (Juni 2003).
Gek√ľrzt, vollst√§ndiges Interview unter www.graswurzel.net.

GWR: Lotahn, was waren die genauen Gr√ľnde f√ľr Deine Besuche in Deutschland?

Lotahn Raz: Ich wollte den Menschen in Deutschland vermitteln, wie sich die politische Situation in Israel derzeit darstellt. N√§mlich, dass eine Bev√∂lkerung, die in Frieden leben will, in einen dummen Krieg verwickelt ist, der von Politikern gef√ľhrt wird, die sich nicht um die Sicherheit der eigenen Leute scheren.

Daher halte ich Vortr√§ge, wie hier in Deutschland, in denen ich f√ľr die Friedensbewegung, und im speziellen f√ľr die immer gr√∂√üer werdende Organisation New Profile werbe, die Kriegsdienstverweigerer in Israel unterst√ľtzt. (...)

Ich finde es wichtig, dass auch die Menschen in Deutschland von diesen Bewegungen erfahren und uns unterst√ľtzen. (...)

New Profile bezeichnet sich selbst als eine feministische Organisation. Kannst Du uns etwas √ľber die Situation der Frauen, speziell der Soldatinnen in Israel sagen?

New Profile ist insofern feministisch, als es Sexismus und die Art wie er im Milit√§r praktiziert und aufrechterhalten wird, nicht akzeptiert. Das ist ein Anliegen von New Profile. Wir, pro-feministische M√§nner und Frauen, sind basisdemokratisch organisiert und k√ľmmern uns nicht nur um feministische Belange.

In Israel haben Frauen einen 21-monatigen Milit√§rdienst abzuleisten. Im Gegensatz zu den M√§nnern haben Frauen das Recht, den Dienst an der Waffe aus Gewissensgr√ľnden zu verweigern. Jedes Jahr sind es Hunderte von jungen Frauen, die diesen Weg w√§hlen. Und das, obwohl dieser Schritt nicht leicht ist und sie sich vor einem strengen Verweigerungskomitee rechtfertigen m√ľssen.

Soldatinnen werden in Israel normalerweise in der Armeeverwaltung eingesetzt. Einige Frauen pochen jedoch auf das Recht, in Kampfeinheiten dienen zu d√ľrfen, was als Bestrebung um Gleichberechtigung angesehen wird. Dass ihnen diese M√∂glichkeit nicht von vornherein gegeben wird, offenbart die frauendiskriminierenden Strukturen in der israelischen Armee.

Diese Strukturen sind so stark, dass viele Soldatinnen sich nicht trauen √ľber ihre W√ľnsche zu sprechen. Stattdessen meinen sie, die m√§nnliche Rolle √ľbernehmen zu m√ľssen, in der es gilt, z√§h und heroisch zu sein. Sie ziehen sich in sich zur√ľck und werden zu dem gef√ľhllosen Soldaten, der bereit ist, zu t√∂ten und get√∂tet zu werden. (...)

Wie beeinflusst der Militarismus das Lebensgef√ľhl in Israel?

Die Jungs werden dazu erzogen, St√§rke zu zeigen, ihre Gef√ľhle zu leugnen, nicht zu weinen und hart gegen sich selbst zu sein. Von Kindesbeinen an ist ihnen bewusst, dass sie mit 18 Jahren in die Armee eintreten werden. Soldaten kommen in die Schulen, berichten vom Dienst an der Waffe und erkl√§ren, warum es angeblich unverzichtbar sei, zum Milit√§r zu gehen. Unmengen von Geldern werden dem Milit√§r zur Verf√ľgung gestellt, w√§hrend zivile Projekte immer weniger Ber√ľcksichtigung finden.

Um die Menschen vom Denken √ľber Alternativen zum Milit√§r abzuhalten, wird eine Atmosph√§re von st√§ndiger Unruhe und permanenter Bedrohung hergestellt.

Es entsteht der Eindruck, als w√§ren alle Personen, die in Israel etwas bedeutendes zu sagen h√§tten Soldaten oder hohe Milit√§rs. Die meisten unserer Premierminister und Politiker sind Ex-Gener√§le. Menschen, die nicht in der Armee dienen, wie nat√ľrlich die Araber, aber auch die Orthodoxen oder eben die Kriegsdienstverweigerer werden ausgegrenzt und bestimmter Privilegien beraubt. (...)

Du warst selbst aufgrund Deiner Verweigerung 56 Tage im Gefängnis. Kannst Du kurz die Umstände während Deiner Zeit in Gefangenschaft beschreiben?

Wir waren damals eine ganze Gruppe von Jungs, die entschieden haben, zu verweigern. Normalerweise wurde man in Israel nur aufgrund von psychischen Problemen oder k√∂rperlichen Gebrechen vom Milit√§rdienst befreit. Dass Jungs wie wir aus Gewissensgr√ľnden dem Dienst an der Waffe entsagten, hatte man in Israel bis dahin nicht oft geh√∂rt. Diesen Zustand wollen wir √§ndern, indem wir oft in den Medien vertreten sind und Diskussionen anregen.

Welche Chancen siehst Du f√ľr eine friedliche L√∂sung des Nahostkonflikts?

Es gibt eine L√∂sung f√ľr den Konflikt zwischen Israelis und Pal√§stinensern. Wir m√ľssen einen Zustand herstellen, der jedem Luft zum Leben l√§sst. Wir k√∂nnen die Uhr nicht zu den Verh√§ltnissen von 1967 oder 1948 zur√ľckdrehen, aber wir m√ľssen den Raum schaffen, der Israelis und Pal√§stinenser gl√ľcklich und in Gleichheit leben l√§sst.

Ich denke, es gibt viele kreative und gute L√∂sungen, um dies zu erreichen. Eine, und vielleicht die vern√ľnftigste Variante w√§re die Zwei-Staaten-L√∂sung, festgelegt nach den Grenzen von 1967. Jerusalem m√ľsste nach einem guten Plan geteilt, und vern√ľnftige Voraussetzungen f√ľr heimkehrende Fl√ľchtlinge geschaffen werden.

Es wird sehr wichtig sein, eine vertrauensvolle Atmosph√§re zu schaffen, in der Israelis und Pal√§stinenser √ľber die Wunden sprechen k√∂nnen, die sie w√§hrend den kriegerischen Jahrzehnten erlitten haben. Entscheidend wird sein, dass sich der Hass und die Wut aufeinander nicht mehr bis zur Explosion aufstauen k√∂nnen.(...)

Wie k√∂nnen die Leserinnen und Leser unserer Zeitung New Profile unterst√ľtzen?

Es hilft, wenn unser Anliegen bei immer mehr Menschen in der Welt Beachtung findet. Es hilft, wenn Kriegsdienstverweigerer Zuspruch in Briefen bekommen, die ihnen ins Gef√§ngnis geschickt werden. Und nat√ľrlich ist es immer hilfreich Geld zu spenden, damit wir die M√∂glichkeit haben, den friedlichen Weg noch weiter zu gehen.

Interview: Bernd Dr√ľcke, der Flo

Letztes Update: 03.11.2007 13:06
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