ALS DER KRIEG AUSBRACH…
Als der Krieg ausbrach, hatte ich Lust zu lieben.
Meine Geliebte wollte lieber
die Pferderennen sehen als die Kriegsberichte.
Wir überlegten, ob die Preise steigen würden
und was wir hamstern könnten.
Das Ganze ein Fiasko,
die Abschiede wie immer leichtfüßig, taub
und blutleer wie die Beginne -
als der Krieg ausbrach, wußte ich nicht zu lieben.
Als der Krieg ausbrach, hatte ich Lust zu leben.
Es war ein schöner Frühlingstag,
die Sonne schien, als ich über den Marktplatz ging,
um noch einige Besorgungen zu machen,
die Marktfrau blinzelte mir zu
und schenkte mir einen Apfel,
den ich erhielt aus ihren kräftigen Händen.
Gerne noch hätt‘ ich mich auf die Stufen des Brunnen gesetzt
und das eilige und ängstliche Treiben beobachtet,
doch ich mußte mich bei meiner Einheit melden –
als der Krieg ausbrach, wußte ich nicht zu leben.
Als der Krieg ausbrach, wußte ich nicht zu sterben,
denn ich tat es das erste Mal –
bevor mich die Splitterbombe traf,
bevor sich das Blut über meinen Kameraden entleerte,
das Ganze ein Fiasko,
bevor wir über den Hügel rannten,
bevor wir uns auf dem Marktplatz versammelten,
bevor ich den Apfel aß, den ich aus der Hand der Marktfrau erhielt
bevor ich mich von dir verabschiedete,
leichtfüßig und taub wie immer, dein letzter Blick,
bevor meine Beine taub wurden und dann die Arme,
bevor das Sehen erlosch,
der Apfel der Marktfrau, rot,
deine Brüste, dein Blick,
deine Lippen, rot,
mein Blut,
rot
...
.
© Beatrix Hillenbrand Sept. 2004