Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Mainz

StartAktuellFindenMaterialÜber unsLinksArchiv

“Ich breche Tabus”

Interview mit Maikel Nabil Sanad

Kurz vor der Veranstaltungsreihe „Ägyptischer FrĂŒhling – Zwischen Revolution und MilitĂ€rherrschaft“ im Mai 2012 interviewten wir den Referenten Maikel Nabil Sanad.
Fragen: Gernot Lennert (DFG-VK Hessen), Übersetzung aus dem Englischen: Rudi Friedrich (Connection)

2011 gab es mehrere Repressionswellen gegen DemonstrantInnen und Blogger in Ägypten. Wie stellt sich die aktuelle Situation dar?

Im Moment gibt es Repressionen nur bei Demonstrationen mit einer kleineren Zahl von Demonstranten. Das MilitĂ€r vermeidet es, große Demonstrationen anzugreifen. Aber das kann zukĂŒnftig auch passieren.

GegenĂŒber Bloggern benutzen sie weiter die tyrannischen Gesetzes des MilitĂ€rregimes. Das traf viele berĂŒchtigte Blogger. Üblicherweise benutzen sie die Anklage „Beleidigung der Religion“, um sie zu verfolgen.

Mit Dir wurden andere Aktivisten nach vielen Monaten aus der Haft entlassen. Gibt es weiter politische Gefangene? Wie viele? Warum wurden sie nicht im Zuge der Amnestie freigelassen?

Einige Aktivisten wurden erst danach inhaftiert, andere fielen nicht unter die Amnestie. Wir kennen die genaue Zahl nicht, weil es keine Transparenz gibt. Wir kennen nur die offiziellen Zahlen, wonach immer noch 2.000 Zivilpersonen inhaftiert sind, die von MilitÀrgerichten inhaftiert wurden. Ich denke, das MilitÀr benutzt sie als Pfand und Möglichkeit, um damit die Opposition ruhig stellen zu wollen.

BefĂŒrchtest Du fĂŒr Dich selber aktuell eine erneute Inhaftierung?

Ja. Es kann auch sein, dass ich verletzt oder getötet werde.

Du hast sehr ĂŒberzeugend dargelegt, dass die Armee und die Bevölkerung niemals an einem Strang zogen. Ist das nun allgemein bekannt? In welchem Ausmaß ist das MilitĂ€r immer noch populĂ€r in der allgemeinen Bevölkerung und bei den AktivstInnen fĂŒr die Demokratisierung?

Fast alle wissen das nun. Sehr selten gibt es Menschen, die glauben, dass die Armee die Revolution schĂŒtzt. Ich denke, dass sich das MilitĂ€r derzeit in der schlimmsten Lage seit dem Putsch 1952 befindet.

In welchem Ausmaß wird Ägypten weiter durch das MilitĂ€r kontrolliert?

Das MilitĂ€r hĂ€lt 40% der Wirtschaft in der Hand und 30% des Bruttosozialproduktes. Sie haben vier Geheimdienste, die nahezu alles observieren. Sie kontrollieren die Medien und bringen ihre Leute praktisch in allen zivilen Bereichen in wichtige Positionen. Sie werden weiter durch die Gesetze geschĂŒtzt. Sie können jeden BĂŒrger zu jeder Zeit vor ein MilitĂ€rgericht stellen.

Was erwartest Du von den verschiedenen politischen KrĂ€ften, insbesondere von dem MuslimbrĂŒdern oder den Salafisten?

Im Moment gibt es ein politisches Chaos. Niemand kann sagen, wie es in Zukunft sein wird.

Wie wirken sich die neuen politischen Konstellationen fĂŒr die Kopten aus?

Minderheiten in Ägypten haben Angst vor der Möglichkeit, dass es einen PrĂ€sidenten geben könnte, der sich am Islam orientiert. Ich glaube aber, dass sie auf jeden Fall nebeneinander bestehen bleiben werden.

Wir beurteilst Du die Situation in anderen arabischen LĂ€ndern?

Die Menschen fordern ihre grundlegenden Menschenrechte ein. Sie haben keine Angst davor, fĂŒr ihre WĂŒrde zu sterben. Die Herrschenden unterdrĂŒcken sie (mit internationaler UnterstĂŒtzung oder Stillschweigen). Und der Kampf geht weiter. Aber am Ende wird die Bevölkerung gewinnen.

Tunesien scheint einen Ă€hnlichen Weg wie Ägypten zu gehen. Gibt es bedeutsame Unterschiede?

Ich denke, dass es in Tunesien besser ist. Es gibt nicht so starke WahlfĂ€lschungen wie in Ägypten. Islamisten erhielten keine Mehrheit, wie das in Ägypten der Fall ist. Sie zogen die Forderung zurĂŒck, in die Verfassung die Scharia aufzunehmen, das MilitĂ€r hat die Macht verloren... Deshalb denke ich, dass es in Tunesien besser ist.

Libyen hat einen BĂŒrgerkrieg erlebt, bei dem die eine Seite durch eine externe militĂ€rische Intervention unterstĂŒtzt wurde. Aus Syrien erhalten wir Nachrichten ĂŒber schreckliche Massaker an Zivilisten. Wie beurteilst Du die Lage in Syrien, Libyen und im Jemen? Welche politischen AktivitĂ€ten sollte es dort geben?

Im Falle von Syrien, Bahrain und Jemen versagt die internationale Gemeinschaft. Internationale Institutionen unterlassen es, Menschenrechtsstandards sicherzustellen. Die Revolutionen werden nun immer religiöser, militarisierter und richten sich stĂ€rker gegen den Westen und gegen den Frieden. Die Welt ĂŒberließ die Revolutionen sich selbst. Deshalb können wir sie nicht dafĂŒr tadeln, wenn sie zu Feinden werden. Ich empfehle zum einen, die doppelten Standards zu beenden und zum anderen mit allen Mitteln einzugreifen, um Menschenrechtsverletzungen zu beenden und die LĂ€nder dazu zu zwingen, ihre Menschenrechtsverpflichtungen einzuhalten.

Im Nahen Osten gibt es Kriegsgefahr zwischen Iran und Israel unter Beteiligung der westlichen MĂ€chte und anderen in der Region. Wie beurteilst Du die Situation? Was kann zur Deeskalierung getan werden? Wie wĂŒrde sich ein Krieg zwischen Iran und Israel auf Ägypten auswirken?

Ich denke nicht, dass es Krieg zwischen Iran und Israel geben wird. In beiden LĂ€ndern beginnt die Kriegspropaganda immer dann, wenn eine Wahl vor der TĂŒr steht, um mehr Stimmen zu erhalten. Das machen sie schon seit drei Jahrzehnten und die Welt fĂ€llt immer noch drauf rein.

Wie wird sich die Beziehung zu Israel entwickeln? Wird der kalte Frieden andauern? Gibt es eine Möglichkeit, die weitverbreitete Feindseligkeit der Ă€gyptischen Gesellschaft gegenĂŒber Israel zu ĂŒberwinden?

Die Feindseligkeit wird enden, wenn Israel die Besatzung der Westbank beendet und das Problem mit den Siedlungen löst. Ich erwarte keine Fortschritte im Friedensprozess im Nahen Osten, so lange alle Seiten (Israel, Ägypten, PalĂ€stina) nichts dafĂŒr tun, um die Beziehungen zu verbessern.

Das Ă€gyptische MilitĂ€r ist in großem Maße auf die finanzielle UnterstĂŒtzung aus den USA und dem Westen angewiesen. Wird dieses BĂŒndnis fortbestehen?

Ja, die Ă€gyptischen Diktatoren brauchen jemanden, um sie zu finanzieren und zu schĂŒtzen. Und Israel braucht jemanden, um fĂŒr den Frieden zu zahlen. Und die USA brauchen Ägypten und Israel aus eigenen militĂ€rischen Interessen.

Die Regierung unter Erdoğan in der TĂŒrkei preist die TĂŒrkei als politisches und soziales Modell fĂŒr arabische LĂ€nder an. Gibt es in Ägypten eine Bereitschaft dazu, das aufzugreifen?

Die demokratischen KrĂ€fte in den arabisch-sprechenden LĂ€ndern schauen sich demokratische Modelle auf der ganzen Welt an. Darunter fĂ€llt auch die TĂŒrkei, auch wenn sie nicht demokratisch ist. Ich denke nicht, dass sie einem einzelnen Modell folgen werden, es wird eher eine Mischung aus verschiedenen geben.

Was macht die Gruppe “Nein zum Kriegsdienstzwang“?

Wir sind klein, wachsen aber und können jeden Tag ein bisschen besser arbeiten.

Unseres Wissens nach bist Du der erste in Ägypten und in den arabischen LĂ€ndern, der öffentlich seine Kriegsdienstverweigerung erklĂ€rt hat. Deine Gruppe ist die erste, die Nein zum Kriegsdienstzwang sagt. Wie reagieren andere politische KrĂ€fte auf Eure Forderungen und Ideen?

Politische KrĂ€fte brauchen Zeit, um neue Ideen zu verstehen und sie mit ihren eigenen pragmatischen Interessen zu verbinden. Wir mĂŒssen auch die Macht des MilitĂ€rs beenden, damit Politiker ohne Angst ihre UnterstĂŒtzung erklĂ€ren können.

Du hast besondere Positionen, womit Du selbst in der Bewegung fĂŒr die Demokratisierung eine Minderheit bist, z.B. mit Deiner Ablehnung des Kriegsdienstzwangs, Nationalismus‘ und dem Hass gegenĂŒber Israel, wie auch mit Deinem Atheismus.

Einige lehnten mich stark ab, vertreten aber nun nach Jahren meine Ideen. Ich breche Tabus und es braucht Zeit, das zu verstehen. Aber jeden Tag gibt es mehr, die davon ĂŒberzeugt sind, dass ich richtig liege.

Wie wirkt sich das auf Deine praktische Arbeit aus? Konzentrierst Du Dich auf Deine Forderungen oder arbeitest Du stĂ€rker in grĂ¶ĂŸeren ZusammenhĂ€ngen?

Ich bin aktiv in den Bereichen Demokratie, Menschenrechte und Freiheiten. Aber die AktivitĂ€ten zu Frieden und MilitĂ€r sind interessanter fĂŒr die Medien.

Kennst Du andere Gruppen oder Personen in arabischen LĂ€ndern, die gegen Militarismus, Wehrpflicht, Nationalismus und Hass gegenĂŒber Israel arbeiten?

Es gibt viele, zumeist unbekannt. Sie haben Probleme bei Finanzen, Gewinnung neuer Mitglieder. Und sie haben viele juristische Schwierigkeiten mit den Regierungen. Wenn wir freie Gesellschaften werden, werden diese Gruppen eine grĂ¶ĂŸere Wirkung entfalten können.

Interview mit Maikel Nabil Sanad, 21. April 2012.

Letztes Update: 06.07.2012 16:11
Druckversion Kontakt Impressum