Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Mainz

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"Gedächtnisstütze"

Gedenk-Kundgebung zum 30. Todestag von Erwin Tinz

Einen Einkaufswagen, eine Krücke und allerlei weitere Utensilien hatten eine handvoll winterlich vermummter Aktiver dabei, als sie an einem kalten Dezembertag zwischen dem Mainzer Weihnachtsmarkt und der Fußgängerzone für einige Stunden eine Art mobiler Gedenkstätte errichteten. Gut hundert Teelichte bildeten auf dem Boden den Namen „Erwin Tinz“. Mit einer Infotafel, Flugblättern und Gesprächen erinnerten Mitglieder des Anti­rassistischen Arbeitskreises (ARAK) und der Gruppe Mainz der Deutschen Friedens­gesell­schaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) an den erschüt­ternden Tod des Wohnungslosen am 11. Dezember 1980, vor genau 30 Jahren.

Überraschend einhellig war die positive Resonanz der Passanten. Die Veranstaltung erntete Zuspruch und Bestätigung in einem Maß, wie es nun doch nicht erwartet worden war, viele ergiebige Gespräche fanden statt. Ein typischer Dialog, der sich so oder ähnlich dutzende Male abspielt: „Kannten Sie den Erwin Tinz?“ „Nein.“ „Sind Sie aus Mainz? „Jaa ...?“ „Dann kannten sie auch den Erwin. Der war hier immer mit seinem Einkaufswagen unterwegs, die Polizei hat ihn dann rausgefahren nach Nackenheim und in einem Weinberg ausgesetzt, wo er gestorben ist.“ Und eins ums andere Mal lautet die Antwort: „Ja - jaja, das war doch der und der... Schlimm war das. Ein Skandal ...“

Tatsächlich wurde damals bundesweit auch in großen Zeitungen und Magazinen über diesen und andere Fälle berichtet, was dazu führte, dass die alltägliche Polizeigewalt, der sozial Schwache vielfach ausgesetzt sind, eine bis dahin unbekannte öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr.

Noch heute, im Jahr 2010 zeigten sich auch die NichtmainzerInnen und jüngere Menschen, die Erwin nicht gekannt haben, durchweg betroffen, drückten Bedauern aus und die Hoffnung, dass diese menschenverachtende Praxis abgeschafft sei.

Das ist leider nur teilweise der Fall. Wie die Initiative berichtet, und auch ein heutiger Obdachloser bestätigte, hat sich seit damals die Situation der Wohnungslosen zumindest in dieser einen Hinsicht durchaus verbessert. Andererseits kann von befriedigenden Verhältnissen noch längst nicht die Rede sein. Neben vielen Problemen, die kommunale Einsparungen und soziale Kälte verursachen, kommt es immer wieder auch zu Todesfällen, die im Zusammenhang mit solchen ohnehin menschenunwürdigen „Verbringungen“ stehen, wie im Dezember 2002 in Stralsund. (http://berberinfo.blogsport.de/category/allgemein/page/4/)

Zu dem generellen Problem polizeilicher Übergriffe äußerte sich Thomas Wüppesahl, Sprecher der Kritischen Polizistinnen und Polizisten am 4. Mai 2010: „Momente der Gewalt gegenüber Bürgern ereignen sich jeweils viele hunderte Male, bis sie vielleicht einmal zufällig dokumentiert werden können, ...“ (http://kritische-polizisten.de/pressemitteilungen/index.htm)


Ob die Gedenkveranstaltung in Mainz eine einmalige Aktion bleiben wird, die aus Anlass dieses traurigen Jubiläums stattfand, oder ob sich weitere Aktivitäten daraus entwickeln, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Als vorläufiges Fazit bleibt jedenfalls festzuhalten: Die Erfahrungen dieses Tages machen Hoffnung, dass die Menschen im allgemeinen umgänglicher, toleranter und menschenfreundlicher sind, als vielfach angenommen wird. Leben und leben lassen.

rs

Weitere Informationen über Wohnungslose:

opus.bsz-bw.de/hsrt/volltexte/2009/36/pdf/david_wha_2008.pdf

www.pflegewiki.de/wiki/Wohnungslosigkeit

de.wikipedia.org/wiki/Wohnungslosigkeit

de.wikipedia.org/wiki/Obdachlosigkeit

www.bpb.de/publikationen/5EKME5,3,0,Armut_in_der_Wohlstandsgesellschaft.html


Informationen zur Polizeigewalt:

kritische-polizisten.de/

www.stephan-n.info/matri/unbequem.pdf

Letztes Update: 12.03.2011 20:42
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