Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Mainz-Wiesbaden

Rede von Jürgen Nieth, Friedensinitiative Mainz,

bei der Kundgebung zum Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerer

Mainz, 16. Mai 2026

 

Hallo,

vor 65 Jahren habe ich den Kriegsdienst verweigert. Damals war ich in Solingen Vorsitzender der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK), es gab noch Gewissensprüfungen und ich glaube, alle, die ich beraten habe, wurden als Pazifisten anerkannt. Ich war kein Pazifist, ich war begeistert von der kubanischen Revolution und den antikolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika. Deshalb entschied ich mich für eine politische Verweigerung und erklärte, dass ich nicht bereit sei, in einer Armee Dienst zu tun, die von Generälen befehligt wird, die allesamt an Hitlers Eroberungskriegen teilgenommen hätten und von denen sicher nicht wenige auch an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen wären. Ich fiel durch die Instanzen.

Auch heute muss mensch kein Pazifist sein, um den Kriegsdienst zu verweigern. Es gibt viele politische Gründe dafür.

Da ist z.B. der alte militärische Größenwahn. Wieso muss die Bundeswehr zur größten europäischen Landstreitmacht werden, wie Merz fordert. Wieso müssen zu unserer Verteidigung deutsche U-Boote im chinesischen Meer kreuzen? Wir haben heute schon den viertgrößten Rüstungsetat nach den USA, China und Russland. In neun Jahren will Deutschland mit 255 Mrd. Euro jährlicher Rüstungsausgaben auf Platz drei vorrücken, vor Russland. Wofür?

Da wird die uralte Bedrohungslüge wieder aufgewärmt von der Gefahr aus dem Osten. Vor 200 Jahren stand dann aber Napoleon vor Moskau und nicht die Russen vor Paris; vor 110 Jahren waren es Kaiser Wilhelms und vor 85 Jahren Hitlers Truppen, die in Russland einmarschierten. Die Russen standen erst nach dem Krieg in Berlin.

Ja, Putin ist ein eiskalter Machtpolitiker, er möchte Russland wieder als Weltmacht sehen. Aber Putin ist sicher kein Selbstmörder. Er führt seit vier Jahren Krieg gegen die Ukraine, ein Stellungskrieg mittlerweile, den er nicht gewinnen kann. Auch ohne die USA ist die NATO militärisch in allen Bereichen Russland überlegen, außer bei A-Waffen. Schon heute geben allein die europäischen NATO-Mitglieder zweieinhalb mal soviel fürs Militär aus, wie Russland.

Woher soll er da die Fähigkeiten nehmen, für einen Krieg gegen ein NATO-Land?  

Sieben US-Geheimdienste haben daraus in einer gemeinsamen Erklärung die Schlussfolgerung gezogen, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass es einen Angriff Russlands auf ein NATO-Land nicht geben wird.

Selbst der bayrische Ministerpräsident Söder muss mittlerweile wohl an der Mär vom russischen Bär zweifeln, wenn er Anfang der Woche verlauten lässt (wörtlich): „Mein Eindruck ist, dass Putin im Moment schwächer ist, als wir glauben.“ (ZDF-Ticker 10.05.2026, 19:49)

Wenn dem so ist, warum dann der Rüstungswahnsinn?

August Pradetto, emeritierter Prof. der Hamburger Bundeswehruniversität, schreibt am 07. Mai in der Wochenzeitung »der Freitag« (Seite 8): „Aufrüstung erzeugt Bedrohungswahrnehmungen und führt zu Gegenreaktionen. Eine Spirale wachsender Unsicherheit ist die Folge. Die Beschreibung einer gefährlichen Welt wird so zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.“

Das heißt, wer mehr Sicherheit will für unser Land, muss sich für Rüstungsbegrenzung und Abrüstungsvereinbarungen einsetzen, für zivile Konfliktbearbeitung und diplomatische Initiativen zur Konfliktbeilegung.

Der alte und der neue Ministerpräsident von RLP jammern, weil die US-Regierung 5.000 Soldaten aus Deutschland abziehen will. Warum haben die SPD und CDU- Politiker nicht den Mut den USA zu sagen: Zieht eure A-Waffen aus Büchel ab und schließt Ramstein. Dann würde Trump jammern, denn ohne Ramstein kann er seine Raketen- und Drohneneinsätze in Nahost nicht zeitnah steuern.

Na ja, das ist die Doppelmoral der Regierenden: Sie verurteilen zu Recht den Krieg Russlands gegen die Ukraine, wenn aber die USA und Israel den Iran zusammenschießen spricht Merz davon, dass sie für uns die Drecksarbeit machen.

Wehren wir uns gegen den Rüstungswahnsinn und die Wiedereinführung der Kriegsdienstpflicht – verbunden mit einer verstärkten Anwerbung von Frauen. Wiedersprechen wir, wenn Herr Pistorius unser Land kriegstüchtig machen will – unser Land muss friedensfähig werden.

Jürgen Nieth, Friedensinitiatve Mainz
E-Mail: friedini.mainz<at>posteo.de
https://friedens-ini-mainz.de

Letztes Update: 17.05.2026, 13:36 Uhr