Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Mainz-Wiesbaden

Internationale Arbeit zur Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern des Ukrainekriegs

Rede von Thomas Stiefel, Connection e.V.,

bei der Kundgebung zum Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerer

Mainz, 16. Mai 2026

 

Liebe Friedensfreund*innen,

mein Name ist Thomas Stiefel und „meine“ Organisation, Connection e.V. mit Sitz in Offenbach, die sich der Unterstützung von Kriegsdienstverweiger*innen und Deserteur*innen weltweit verschrieben hat, befindet sich derzeit im Umbruch.

Auf höchster Ebene ist Zaira Zafarana als Fachberaterin bzw. Koordinatorin für Advocacy bei der UN und EU in unserem Auftrag aktiv. So stellte sie gestern in Brüssel anlässlich des International Tags der Kriegsdienstverweigerung eine Textsammlung mit dem Titel Voices for Peace vor, mit Erzählungen von Betroffenen aus aller Welt. Diese Story Telling Publication soll noch in verschiedenen Formaten erscheinen.

In der direkten Hilfe für Betroffene des Ukrainekriegs, der nun schon vier Jahre anhält, ist Connection e.V., mit unserem Juristen und Osteuropa-Experten Artem Klyga <Артём Клыга, Artjom Klygaunermüdlich tätig. Artem ist über den Titel „ausländischer Agent“ durch die russische Regierung für seinen Tätigkeit nicht überrascht und fühlt sich damit eher geadelt. Auch wirkte Artem mit dem ZDF an einem Dokumentarfilm und einem Beitrag im Magazin Frontal über russische Deserteure in Deutschland mit. In verschiedenen Medien in Deutschland werden immer wieder Interviews mit Artem veröffentlicht.

Auf eines, dass er kürzlich mit CNN geführt hat möchte jetzt eingehen. Es geht um eine neue Strategie, die das russische Verteidigungsministerium gerade umsetzt. Es wird nun weniger willkürlich auf offener Straße rekrutiert, was vor allem 2022 der Fall war und unter dem englischen Begriff „Busification“ bekannt wurde. Dieser Begriff meint das Zwangsrekrutieren mit Hilfe von Bussen. Stattdessen werden nun Universitätsstudenten mit scheinbar verlockenden Angeboten geködert. So werden z.B. an der juristischen Universität Nowosibirsk Studierenden ein einjähriger befristeter Vertrag versprochen, mit der Möglichkeit, fernab der Front zu dienen, sowie die Chance, Hightech-Kenntnisse zu erwerben. An verschiedenen Universitäten werden sehr hohe Gehälter versprochen. Die „Anweisungen“ des Verteidigungsministeriums beschreiben detailliert die Anreize, die Studierenden – sowohl Männern als auch Frauen – angeboten werden sollen, darunter „ein geringeres Risiko, unter feindlichen Beschuss zu geraten“ Diese Verträge sind aber eine Falle. Solche Versprechen sind nicht einklagbar. „Vertragsunterzeichnende können zu jeder Einheit geschickt werden, die das Verteidigungsministerium benötigt. Es gibt keine Möglichkeit, selbst zu wählen.“, wie auch ein Vertreter von der NGO Idite lesom <Идите лесом> in dem Bericht von CNN sagt.

Ukraine

Die Ukraine hat das Recht auf Kriegsdienstverweigerung, das ohne hin nur für wenige registrierte Religionsgemeinschaften galt, in Kriegszeiten außer Kraft gesetzt. So erreichen uns immer wieder Meldungen über Demütigungen und Misshandlungen von Anhängern der Zeugen Jehovas, was wir auch publizieren.

Diese Fälle ähneln dem, was Yurii Sheliazhenko <Юрій Шеляженко, Jurij Scheljashenko> widerfahren ist. Der Geschäftsführer der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung und bekanntesten Stimme für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in der Ukraine wurde Ende März dieses Jahres verhaftet und über 44 Stunden lang willkürlich seiner Freiheit beraubt, ohne dass seine Familie oder sein Anwalt seinen Aufenthaltsort oder seinen Zustand in Erfahrung bringen konnten

Er wurde über 44 Stunden lang willkürlich seiner Freiheit beraubt, ohne dass seine Familie oder sein Anwalt seinen Aufenthaltsort oder seinen Zustand in Erfahrung bringen konnten.

In einer Video-Zeugenaussage auf YouTube beschreibt er seine brutalen Erfahrungen - er wurde geschlagen und mit Pfefferspray attackiert - sowie die demütigende Behandlung während seiner willkürlichen Haft. Seine abschließenden Worte im Video lauten: »Jetzt weiß ich zumindest ansatzweise, wie sich gewaltsam festgehaltene Kriegsdienstverweiger*innen fühlen. Und es wird mich inspirieren, mehr und besser zu arbeiten.«

Yuri ist zwar wieder frei, hat jedoch eine traumatische Erfahrung hinter sich und ist weiterhin prinzipiell von einer Zwangsrekrutierung (z. B. durch Busification) bedroht, was auch gegen innerstaatliches ukrainisches Recht und internationale Menschenrechtsstandards verstößt.

Yurii hat mittlerweile ein Gerichtsurteil erwirkt, das die Einleitung eines Verfahrens in seinem Fall anordnet. Auch wurde er von seinem Territorialen Rekrutierungszentrum (TCC) darüber informiert, dass Verwaltungsanhörungen stattfinden und bei Nichterscheinen nach einer Vorladung eine Geldstrafe verhängt wird; Dazu hat Yurii Einspruch eingelegt.

Wir fordern die ukrainischen Behörden auf:

— den Vorfall, der eine extrem schwere Menschenrechtsverletzung darstellt, umgehend und ordnungsgemäß zu untersuchen und die volle Verantwortlichkeit sicherzustellen;

— von der Verfolgung und Kriminalisierung von Friedensaktivisten und Kriegsdienstverweigerern wie Herrn Yurii Sheliazhenko abzusehen und fordern dessen sofortigen Schutz

— jegliche Praktiken der Mobilisierung unter Zwang zu unterlassen;

— alle derzeit in der Ukraine inhaftierten Kriegsdienstverweigerer freizulassen.

(Siehe Connection Aufruf zu seiner Unterstützung : https://de.connection-ev.org/article-4702)

Yurii beginnt nun auch wieder für Connection e.V. Berichte zur Lage der KDVer in der Ukraine zu schreiben, die wir auf unserer Homepage: Connection-ev.org veröffentlichen werden.

Ich möchte nun noch auf zwei konkrete Fälle aufmerksam machen: ­


Litauen

Maksim Kusmin (Максим Кузьмин) ist ein russischer Staatsbürger aus Kaliningrad und Reserveoffizier, der sich weigerte, den illegalen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu unterstützen. Aufgrund seiner Antikriegsaktivitäten war er gezwungen, sein Land zu verlassen und im Ausland Schutz zu suchen. Er stellte einen Asylantrag in Litauen, wo er jedoch als Bedrohung für die nationale Sicherheit eingestuft wurde, was ihn in die unmittelbare Gefahr einer Abschiebung bringt.

Die Menschenrechtsorganisation „Unser Haus“ (Наш Дом, Nasch Dom) in Litauen und Connection e.V.  zusammen mit zahlreichen europäischen Friedensorganisationen setzen sich für ihn und gegen seine Abschiebung zurück nach Russland ein. Ihm stand am 2. April 2026 eine weitere und voraussichtlich entscheidende Anhörung vor dem Regionalen Verwaltungsgericht in Kaunas, Litauen, bevor. Dessen Ergebnis ist uns leider noch nicht bekannt.

Ein konkreter Fall aus Russland: Nikita Zvezdov, (Никита Звездов, Nikita Swesdow) ein 19-jähriger russischer Kriegsdienstleistender wurde im Sommer 2024 durch Folter zur Unterzeichnung eines Arbeitsvertrages mit dem Verteidigungsministerium gezwungen. »Zuerst haben verschiedene Leute versucht, ihn mit guten Worten zu überreden: Dann begannen die Drohungen und die körperliche Gewalt. Sie schlugen ihn auf verschiedene Weise, jeder so, wie er es konnte. Im Herbst war er auf einem Übungsgelände in der russischen Armee stationiert und sollte von da aus an die Front in die Ukraine geschickt werden. Er desertierte und es gelang ihm nach Deutschland einzureisen, wo er einen Antrag auf internationalen Schutz stellte, und nun von Abschiebung in ein EU-Land bedroht ist, das wiederum an Russland überstellt. Die russische Menschenrechtorganisation Stoparmy Movement und Connection e.V. konnten ihm aus dieser Lage helfen und für ihn ein Kirchenasyl in Deutschland finden.

Auf unserer Website https://de.connection-ev.org/article-4527

Sowie auf https://objectwarcampaign.org/2025/08/08/sie-werden-getoetet-andere-werden-kommen-wie-wehrpflichtige-zum-abschluss-von-militaervertraegen-gezwungen-werden/.


Ab Juni dieses Jahres wird Connection e.V. eine neue Geschäftsführerin einarbeiten, die unsere Arbeit sicher mit neuen Ideen beleben und es uns ermöglichen wird, wieder stärker in der #Object War Campaign in Deutschland mitzuwirken. Dazu brauchen wir weiterhin Eure Spenden, um diese Arbeit fortsetzen zu können! Zum Schluss möchte ich unseren verstorbenen Geschäftsführer Rudi Friedrich zitieren, der unseren Standpunkt so prägnant formulierte: „Kriegsdienstverweigerung ist kein Schönwetterrecht, das nach Belieben ausgesetzt werden kann. Kriegsdienstverweigerung ist als Menschenrecht anerkannt und muss jederzeit in Anspruch genommen werden können. Wir sagen hier und heute: Verfolgte Kriegsdienstverweiger*innen und Kriegsgegner*innen brauchen Schutz und Asyl

Letztes Update: 17.05.2026, 14:37 Uhr