Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Mainz-Wiesbaden

Rede von Hartmut Bohrer, Arbeitskreis Umwelt und Frieden, Mitglied des Ortsbeirats von Mainz-Kastel,

bei der Demonstration am und zum Antikriegstag, 1. September 2026, Mainz-Kastel

Sehr geehrte, liebe Teilnehmende an der heutigen Friedensmanifestation,

zunächst vielen Dank für die Möglichkeit, zu dieser mit einer kurzen Rede beizutragen.

Zu meiner Person: Ich bin Mitglied des Ortsbeirats von Mainz-Kastel, einem Stadttteil der Landeshauptstadt Wiesbaden. Aktuell wohnen in Mainz-Kastel über 15.000 Menschen. Im Ortsbeirat gehöre ich der Fraktion Arbeitskreis Umwelt und Frieden (AUF AKK) an. Diese Fraktion ist seit der Kommunalwahl 1985, also seit über 41 Jahren im Ortsbeirat vertreten. Sie wurde gegründet von Aktiven der Friedensbewegung gegen die Mittelstreckenraketen – damals die Pershings und Cruise Missiles – und aus der Umweltbewegung z. B. gegen Atomkraftwerke in Biblis und anderswo. Mit über 35% der Stimmen bei der letzten Kommunalwahl ist sie die stärkste Fraktion. In meiner Person stellte sie bereits zwei Mal den Ortsvorsteher.
Die allererste Aktivität dieser Fraktion nach der Kommunalwahl 1985 galt dem Gelände, an dem unsere heutige Kundgebung endet, von der US Army "Kastel Station" genannt.

In der letzten Zeit war die Anwesenheit der US Army in Mainz-Kastel und Wiesbaden häufig, auch überregional, Thema.
Anlass dafür war die in der zweiten Jahreshälfte 2021 erfolgte Stationierung von zwei Militäreinheiten in Kastel, die besondere Aufmerksamkeit auf sich zog.

Als im Jahre 2015 die US Army, 70 Jahre nach Beendigung des II. Weltkriegs und Übernahme des Geländes von der sogenannten Wehrmacht, die Rückgabe dieses rund 25 ha großen Geländes
gemeinsam mit einem anderen Gelände von über 11 ha bis Ende 2022 bzw. 2023 ankündigte, löste dies Freude aus. Eine zivile Nutzung, insbesondere für Wohnungsbau, war in Sicht.
Aber es kam anders.

Mehrfach wurde die angekündigte Freigabe noch in den Jahren 2017 und 2018 ganz offiziell von der US-Armee bekräftigt. Ja, es wurde sogar ein Teil des kleineren Geländes vorfristig freigegeben. Auf
diesem entstand ein neues Wohnquartier mit einer Grundschule und einer Kindertagesstätte.

Mit dem ersten Amtsantritt von Trump als Präsident änderte sich die Situation. Die versprochene Rückgabe der beiden großen militärischen Flächen wurde storniert. Noch unter der Präsidentschaft von
Trump wurden über zwei Jahre hinweg Vorbereitungen getroffen, zwei weitere militärisch bedeutende Einheiten in Kastel zu stationieren, darunter das 56. Artilleriekommando. Diese Einheit war einst für
die Pershing-Raketen und die so genannten Cruise Missiles zuständig. Im Zuge der zwischen der Sowjetunion und der USA vereinbarten Abrüstung war diese Einheit in den 90er-Jahren aufgelöst
worden. Nun wurde sie reaktiviert und zuständig für so genannte Mittelstreckenraketen, zu denen auch die Long Distance Hypersonic Weapons genannten Flugkörper gezählt werden. Diese können
mehrfach schneller als der Schall in wenigen Minuten z.B. die russische Regierungszentrale und mehrfache Millionenstadt Moskau erreichen.

2024 vereinbarten nun der damalige Bundeskanzler Scholz (SPD) und der damalige US-Präsident Biden eine Stationierung dieser so genannten Mittelstreckenraketen für 2026 in Deutschland. Im Zusammenhang mit dem 56. Artilleriekommando war im.Jahr 2021 auch die 2nd Multidomain Taskforce in Kastel stationiert worden. Sie soll im Einsatz die militärischen Aktivitäten der verschiedenen Bereiche (zu Lande, zu Wasser, in der Luft bzw. im Weltraum und im "Cyberspace") koordinieren.

Zurecht lösten der Bruch des Rückgabeversprechens durch Stationierung der neuen bedeutsamen Einheiten Empörung und die Sorge aus, dass in noch stärkerem Maße als bisher Mainz-Kastel und die
Region Mainz/Wiesbaden zum Ziel von Erst- oder Zweitschlägen werden könnten.

Vor wenigen Monaten wurde unter der aktuellen Präsidentschaft von Trump eine Verringerung der US-Truppenstärke in Deutschland angekündigt sowie erklärt, die von Scholz und Biden vereinbarte Stationierung von US-Mittelstreckenraketen bzw. Überschallwaffen werde in Deutschland nicht erfolgen.
Keineswegs wurde erklärt, dass diese Waffen nun gar nicht mehr produziert, aufgestellt und zum Einsatz kommen sollen. Auch wurde nicht der Abbau der für diese Waffen vorgehenen
Kommandoeinheit erklärt.

Vermutungen wurden seinerzeit geäußert, der (erste) Stationierungsort werde Grafenwöhr in Bayern sein. Im Zeitalter von Satelliten und entspechender IT können die genannten Waffen, von Kastel aus
gesteuert, selbstverständlich von ganz unterschiedlichen Ländern aus abgefeuert werden. Die neuen Überschallwaffen könnten auch recht schnell verlegt werden, da sie bereits auf mobilen Abschussvorrichtungen montiert einen Standortwechsel vornehmen können.

Die Gefahr für die Region Mainz/Wiesbaden und darüber hinaus, zum Ziel militärischer Angriffe zu werden, möglicherweise auch von Atomwaffen, ist also keineswegs gebannt.

Deshalb fordern wir weiterhin die versprochene Rückgabe der heute militärisch genutzten Flächen!  Umgeben von mehreren Schulen, Kindertagesstätten und Wohnbebauung in unmittelbarer Umgebung
ist ihre bisherige Nutzung besonders unverantwortlich. Wir appelieren an alle, die Forderung nach Freigabe zu unterstützen, insbesondere an diejenigen, die durch Wahl oder Amtseid ein Mandat und
damit die Verpflichtung übernommen haben, Schaden von den Menschen in ihrem Verantwortungsbereich abzuwenden.

Lasst uns unsere Aktivitäten verstärken, besonders indem wir auch andere gewinnen, gemeinsam AUFzustehen, für den Schutz des Lebens und eine Politik, die friedensfähig und nicht kriegstüchtig
macht.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

Hartmut Bohrer, 1. September 2026

Letztes Update: 02.09.2026, 10:30 Uhr